Stiftung Humor und Gesundheit

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PRESSE

BaZ - 28.02.2006

Humorprofis bringen Senioren zum Lachen

UNTERWEGS MIT DEM CLOWN MARCEL BRIAND BEI SEINEM BESUCH IM TERTIANUM DES ST.-JAKOB-PARKS

Von Christian Fink

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Humor ist zwar auch im Alter noch vorhanden, jedoch oftmals verschüttet. Wird er freigelegt, verbessert sich das psychische Wohlbefinden - und damit die Lebensqualität.

«I bi dr neu Doggter», sagt der Clown. Die Pflegefachleute lächeln mild. Die fünf Betagten, die auf Rollstühlen sitzen, wirken leicht verunsichert. Fragende Blicke. Bevor die Verunsicherung in Fragen mündet, ist der Doktor bereits als Clown enttarnt. Und da das Stethoskop ohnehin im Sack des weissen Kittels bleibt, weicht die Verunsicherung der Betagten einem zunehmenden Interesse. Der komische Vogel, der sich im Aufenthaltsraum des Tertianums St.-Jakob-Park eingeschlichen hat, macht ungewöhnliche Dinge. Auf seinem uralten Trichtergrammofon lässt er, bereits im nach Mottenkugeln riechenden Frack, beispielsweise Schellackplatten erklingen: «S’Landidörfli» von 1939. Und anderes aus dem Fundus verstaubter Musikstücke aus Helvetien.

Küssen. Der Clown fordert eine Dame zum Tanze auf. Sie könne nicht stehen, sagt sie. Mit leichtem Druck des Clowns schafft sie es dann doch, aufzustehen und ein paar Mal sanft im Takt hin und her zu wippen. Plötzlich fragt der Schwarzbefrackte Unverschämtes: «Wann haben Sie zum letzten Mal geküsst?» - «Schon lange her», antwortete die Dame. Was einst wichtig war, scheint nun weit weg. Auch für die anderen, die sich am Gespräch beteiligen: Witzeln und schmunzeln - für ein herzhaftes Lachen sind die anwesenden Damen zu schwach. Und der einzige Herr verlässt den Aufenthaltsraum, um bald zurückzukehren. Der Clown stellt ihm eine Aufgabe: Ein Rohr zusammenzulegen, das sich nicht zusammenlegen lässt.

Der Clown heisst Marcel Briand, ist diplomierter Pflegefachmann, jetzt aber vor allem ein so genannter Begegnungsclown, der nur eines im Schilde führt: den Betagten, die teilweise demenzkrank sind, ein Lächeln zu schenken. Dies mit seinen Gesten, Grimassen und mit seinem Humormobil, auf dem sich Kleider, Instrumente und viele Requisiten finden, mit denen sich humorvolle Sequenzen entwickeln lassen.
Am Humortag im Tertianum, das den Humor zum Jahresmotto gewählt hat, werden jedoch nicht nur die Pflegebedürftigen, sondern wird auch das Pflegepersonal mit Witzigem beglückt. Frühmorgens bereits werden die Angestellten vom Clown mit einer Rose und quakenden Spielzeugfröschen, die sich im Kunstgras vor den Liften versammelt haben, begrüsst. Später nimmt der Clown am Pflegerapport teil. Und nachmittags referieren Briand und Beat Hänni in einem Workshop zum Thema «Humor und Alter».
Hänni ist ehemaliges Kadermitglied der Basler Pharmaindustrie im Ruhestand und heute Vizepräsident der Stiftung Humor & Gesundheit (vgl. Kasten). Seit fünf Jahren arbeitet er in seiner Humorwerkstatt mit alten, geistig aber noch regen Leuten. «Ich erzähle keine Witze, sondern hole die Leute bei ihrem eigenen Humor ab.» Humor sei eine Kernressource, die alte Leute bis zum Tod in sich haben. «Humor als Kommunikationsebene mit alten Menschen ist absolut effizient. Jeder Mensch hat Humor, nur ist er teilweise verschüttet durch Lebensumstände oder Gebrechlichkeiten. Doch die Leute realisierten plötzlich, dass sie noch ein bisschen Heiterkeit mobilisieren können, lächeln oder schmunzeln können. Dies fördert das psychische Wohlbefinden.» Humor soll deshalb in Betreuungskonzepten vermehrt verankert werden.

Keine Show. Marcel Briand schlüpft während seiner Arbeit in verschiedene Rollen: «Die Idee ist nicht, einfach eine Show zu bieten, sondern den Leuten Requisiten in die Hände zu geben, Angebote zu machen. Dann können sie darauf einsteigen oder auch nicht.» Ein einziger Humortag ist für Briand nicht therapeutisch. Humor werde erst in regelmässigen Humorinteraktionen zur Therapieform. Für ihn ist jedoch klar: «Wer herzhaft lacht, leidet selten an Verstopfung. Humor fördert die Konfliktfähigkeit und hilft, Konsens zu finden. Ein humorvoller Umgang miteinander beinhaltet eine wohlwollende Begegnung und bedeutet, dass wir toleranter und nachsichtiger aufeinander zugehen.» Dies gilt nicht zuletzt für die Pflegenden: Rund 60 Prozent seiner Arbeit widmet Marcel Briand ihnen, «damit sie sich mehr mit dem Humor in ihrer Arbeit auseinander setzen und entsprechend anders auf die Leute eingehen als in den gewohnten Mustern».

Kästchen:
Stiftung Humor und Gesundheit
PROJEKTE. Da lachen bekanntlich gesund ist, soll in Krankenhäusern, Pflege- und Altersheimen vermehrt Humor Einzug halten. Hierzu gibt es viele entsprechende Projekte, nur mangelt es oftmals an finanziellen Möglichkeiten, diese auch umzusetzen. Um dem therapeutischen Humor tatkräftige Hilfe angedeihen zu lassen, wurde im vergangenen Jahr die Stiftung Humor und Gesundheit mit Sitz in Basel gegründet. Die Stiftung bezweckt die Initiierung und Förderung von Projekten, die therapeutischen Humor zum Wohl erwachsener, behinderter und betagter Menschen umsetzen. Die Palette reicht von Humorinteraktionen mit kranken, alten und/oder behinderten Menschen bis hin zu wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Ausserdem möchte die Stiftung die Öffentlichkeit für das Thema Humor und Gesundheit sensibilisieren und den Erfahrungs- und Wissensaustausch in der klinischen und pädagogischen Humorarbeit aktiv fördern. Präsidentin der Stiftung ist Dr. Iren Bischofberger, Vizepräsident Beat Hänni. Weiter sind Beatrice Massart-von Waldkirch, Johannes Gruntz-Stoll und Max Hallauer-Mager im Stiftungsrat vertreten.

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